13.02.2010 - 05.03.2010

Harry Schnitger | Fünf Minuten 13 Filmporträts

Harry Schnitger "Wong Kar Wai", (C) Harry Schnitger, courtesy Galerie ZERO, Berlin
Harry Schnitger "Wong Kar Wai", (C) Harry Schnitger, courtesy Galerie ZERO, Berlin

"„Sie haben fünf Minuten Zeit“ – das ist der Standardsatz, mit dem der Fotograf Harry Schnitger vom gestressten Pressesprechern empfangen wird, wenn er zum Fototermin mit einem berühmten Regisseur oder Schauspieler kommt. Der Ablauf, wie internationale Stars im Vorfeld eines Filmstarts mit den Pressevertretern zusammengebracht werden, folgt einem immer gleichen Muster. Ein Nobelhotel. Ein straffer Terminplan, der nicht eingehalten wird. Vorrang haben die Interviews. Und so richtig gerne fotografieren lassen will sich keiner.

Harry Schnitger sucht sich dann möglichst in unmittelbarer Nähe zum dem Raum, in dem die Interviews stattfinden (jeder Weg, den der Star zurücklegen müsste, ginge von seiner Zeit ab) einen Ort, an dem er Kamera und Licht aufbaut. Und wartet.

Auf Jerry Seinfeld zum Beispiel, der sich nur im Vorbeigehen - für drei Aufnahmen – auf den für ihn vorbereiteten Stuhl setzte, murmelte, er käme sich vor wie auf dem Klo, und zum nächsten Pressetermin eilte. Oder Oliver Stone, der nicht nur extrem erkältet war, sondern auch noch die knappe Zeit nutzte, um mit der Fotoassistentin zu flirteten. Oder Roberto Benigni, der Harry Schnitger unbedingt pantomimisch den Unterschied zwischen ihm selbst, Benigni, und Wim Wenders erklären wollte.

Harry Schnitger, Jahrgang 1969, arbeitet seit 1994 beim Berliner Stadtmagazin „tip“, seit 1996 als festangestellter Fotograf der Zeitschrift. Film ist das wichtigste Thema im „tip“, der „tip“ ist eines der wichtigsten Medien für die Filmbranche. So hat Harry Schnitger in den letzten Jahren unzählige Filmschaffende und 13 Berlinalen fotografiert.

Eigentlich sind die äußeren Bedingungen, unter denen Harry Schnitger arbeitet, extrem ungeeignet, um gute Arbeit abzuliefern. Der Zeitdruck. Die immergleichen Hotels. Stars, die von dem Presseteam von einem Termin zum nächsten gereicht werden und gar nicht wissen, mit wem sie gerade reden. Doch den Bildern sieht man die Umstände, unter denen sie entstanden, nicht an. Im Gegenteil. Oliver Stone, Roberto Benigni und Spike Lee sehen aus, als hätten sie alle Zeit der Welt gehabt. Wären ganz entspannt gewesen, unter Freunden.

Harry Schnitger gehört zu den Fotografen, die in ihren Bildern erzählen. Doch seine Geschichten haben keine Handlung, sondern sie handeln von Charakteren. „Was ist das für einer?“, fragt man sich unweigerlich, und die Fotografien liefern so mannigfache Indizien, dass sie statt einer einfachen Antwort einen Denkprozess, eine Diskussion in Gang setzten.

Obwohl sie in einer künstlichen Situation entstehen, werden diese Bilder von einem Moment der Unverstelltheit, der Wahrhaftigkeit getragen. Harry Schnitger baut keine Kulisse oder Szene, in die er die zu Portraitierenden hineinpasst. So gut wie nie sieht man bei ihm Requisiten (außer bei der Aufnahme von Sophie Rois, aber diese hatte sie selber mitgebracht). Er kommt nicht zum Termin mit einer vorgefassten Meinung, sondern er wartet ab, was für ein Charakter ihm gegenübertritt, und kann sich so dem Wesentlichen, dem Wesen des Menschen nähern.

Dabei bewahrt Harry Schnitger immer Distanz zu seinem Gegenüber. Nie rückt der den Menschen zu Nahe, immer lässt er nicht nur ihre Gesichter, sondern auch ihre Körper sprechen, ohne Posen, sondern mit Gesten, die von ihnen viel erzählen. So lernen wird die, die wir da sehen, tatsächlich besser kennen. Es sind in dieser Schau Jerry Seinfeld, Birgit Minichmayr, Heike Makatsch, Hans Weingartner, Michel Gondry, Nina Hoss, Oliver Stone, Sandra Hüller, Roberto Benigni, Sophie Rois, Wong Kar-Wai, Spike Lee und Tom Tykwer.

Nicht alle diese Fotografien sind in fünf Minuten entstanden, trotzdem hat er die meisten der Aufnahmen unter Zeitdruck gemacht. 13 Porträts hat Harry Schnitger ausgewählt, sie sind zwischen 1998 und 2009 aufgenommen, viele von ihnen im Vor- oder Umfeld der Berlinale, deren 60-jähriges Bestehen den Anstoß für diese Ausstellung gegeben hat.

Alle Aufnahmen sind mit einer Hasselblad Mittelformatkamera auf Ektachrom-Diafilm im Format 6x6 cm fotografiert. Obwohl Harry Schnitger auch häufig digital arbeitet, bevorzugt er für seine Filmporträts diese langsame Kamera, bei der der Film mit einer Handkurbel und einem lauten schnarrenden Geräusch transportiert wird. Er setzt diese entschleunigte Technik ganz bewusst als Gegenpol zur Hektik bei den Terminen ein. Und aus Liebe zum quadratischen Format."
(Quelle: Galerie ZERO)

 
Galerie ZERO
courtesy Galerie ZERO, Berlin

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