26.04.2013 - 15.06.2013

Corinne von Lebusa - "Halt micht, oder halt nicht"

„Ich muss herauskriegen, wer recht hat, die Gesellschaft oder ich.“ [1]

Die Galerie Jette Rudolph freut sich sehr, die erste Soloshow der Leipziger Künstlerin Corinne von Lebusa (*1978; Herzberg) in Berlin präsentieren zu dürfen.

Die Malereien und Objekte von Lebusa ziehen den Betrachter aufgrund ihrer farbigen wie kompositorischen Akzentuierung unwiederbringlich an obgleich mit Aquarell auf kleinformatigen Bildträgern gearbeitet, deren Materialität der Malpappe eine fragile ist und wiederum die schützende Hülle des Bilderrahmens einfordert. In ihrem stilistischen Repertoire variiert die Künstlerin frei zwischen Figuration, Abstraktion und reiner Textarbeit, ausformuliert in mit dem Pinsel geschwungener weicher Formgebung, wodurch sich die selbstbehauptenden, über das gesamte Bildfeld ausbreitenden Statements wie „Ich bin der Sinn des Lebens“ dem Leser charmant vermitteln.

Agitativ in der sprachlichen Aussage und kontrastreich in Komposition und Farbenspiel experimentiert Corinne von Lebusa in ihren Arbeiten mit der heutigen Kultur und dem Phänomen des Zeigens. Immer wieder tauchen Gegenstände auf, Mimiken, Gesten oder Handlungen zwischen Menschen, welche eingebunden in einen unbestimmten Bildraum nach einer erzählerisch logischen Einordnung verlangen. Szenenhaft fragmentiert oder in abstrakte Formen aufgelöst, sind die einzelnen Bilder autonome Projektionen, welche sich nicht mimetisch an realen Vorbildern orientieren, sondern vielmehr den konditionierten Blick und Glauben des Betrachters an das Medium Bild auf die Probe stellen.

Die besondere Betonung in Lebusas Arbeiten im Hinblick auf den Akt des Zeigens, der wiederholt die besondere Aufmerksamkeit des Rezipienten erregt, wurzelt letztlich in dem von ihr oft zitierten Gebärdenspiel, welches der „[Ursprung] der menschlichen Kommunikation“ [2] ist und als informationstragendes Zeichen heute eine besondere Rolle in der Werbung und den Medien spielt.Die in ihren Bildern bisweilen symbolisch aufgeladene Visualisierung vom Akt und der Wirkung des Zeigens generiert sich in Signets wie Pfeilen, ausgestreckten Fingern u.a. oder aber in Handlungen des Offenlegens und Verbergens in Form bloßer Nacktheit oder dem Verstecken hinter Tüchern, Masken, Haaren. Auf diese Weise unterläuft die Künstlerin eine womöglich stringente Kausalität des Zeigens und schafft im Projektionsfeld des Bildes eine künstliche Realität, welche die in ihr agierenden und erscheinenden Dinge und Personen zweckentfremdet, als ob sie allein noch die „[…] Spuren des Gezeigten wären.“ [3] Corinne von Lebusa irritiert den Betrachter und Leser ihrer Bilder nur zu gerne, wenn sie die heute weitverbreitete „Bildmythologie“ hinterfragt, „[…] welche das Bild als ein handelndes Subjekt hymnisch verherrlicht […]“ [4]. Beim Akt des Malens wie Collagierens spielt die Künstlerin bewusst mit der Sichtbarkeit ihrer Motive und Objekte und rückt dabei die Phänomenalität des Bildes in den Vordergrund womöglich „ein Medium zur Produktion einer artifiziellen Präsenz von nur sichtbaren Phantomen“ [5] zu sein.

Der Wechsel zwischen freier abstrakter oder textlicher Form und traditionell gegenständlichen Darstellungen des Porträts oder der Collage vermittelt ein eindrückliches Oszillieren zwischen Intuition und Ratio. Im Spannungsfeld von Abstraktion und Mimesis, von Malerei und Objekt bewegen sich die Arbeiten der Künstlerin frei im transzendenten Bereich der Wiedererkennung eines Motivs und der Betonung der Mittel des malerischen Gestaltens. Letztlich scheint es, als synthetisiere sich Lebusas Formenvokabular zu Ansichten von seelischen Prozessen und die Kombination von Zeichen emotionaler Befindlichkeiten wie innerer Wahrheiten mit den wirklichkeitsbezogenen Bildgenres generiert eine autonome visuell-ästhetische Realität. Die Künstlerin zeigt mit ihren Arbeiten subjektive Vorstellungen der Welt und entwirft ausschnitthafte Ansichten ihres Menschenbildes im malerisch- phantastischen Raum: Sie wirft Fragen der Identität auf und lotet den Prozess der Selbst(er)-findung zwischen Themen der Weiblichkeit, Sexualität, Philosophie und Künstlichkeit aus. Referierend auf Lebusas weich konturierte, bisweilen ornamentale Formensprache, die leuchtende und in ihren zarten Übergängen nahezu „geschminkte“ Farbigkeit sowie die Fragilität ihrer Objekt-Collagen vermitteln die Arbeiten spezifische Vorstellungen von Weiblichkeit. Dabei formuliert sie vergleichbar ihren weiblichen Protagonistinnen aus Musik und Literatur polarisierend, unkonventionell und ehrlich, jedoch zugleich wild, ironisch, aggressiv und unbeugsam und sich somit abschließend stets einem hermetischen System widersetzend.

Die auffällig szenische Wiedergabe mehrerer mit- oder nebeneinander agierender Figuren im Raum weicht mit der aktuellen Ausstellung mehr und mehr der Fokussierung auf die Einzelfigur, dem autonomen abstrakten Farbbandspiel und einfach gehaltener Motiv-Text-Kombinationen. Insbesondere der Dialog und die klar getrennte Gegenüberstellung von Mann und Frau in den Bildern Lebusas verbinden sich in einer mehrteiligen, wandfüllenden Porträtserie zu „[...] Archetypen mit Gesichtern, in denen die Geschlechter verschwimmen. Es geht nicht länger um Mann und Frau sondern um das Sein an sich.“ [6]

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1 Nora Helmer in Henrik Ibsen: Nora oder Ein Puppenheim, 1879.
2 Vgl. Michael Tomasello, Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation, 2009.
3 Vgl. Lambert Wiesing, Sehen lassen. Die Praxis des Zeigens, 2013, S. 228.
4 Ebd., S.42.
5 Ebd., S. 76.
6 Lu Potemka zu den Arbeiten der Künstlerin: Ich fühle, also bin ich, 2013 (unpubliziert).

 
Vernissage am 26.04.2013 ab 18:00 Uhr
Galerie Jette Rudolph
courtesy Galerie Jette Rudolph, Berlin

Galerie Jette Rudolph

Strausberger Platz 4

10243 Berlin

Tel: +49 (0) 30 / 613 03 887

Web: http://www.jette-rudolph.de

Öffnungszeiten

Di - Sa 11:30 - 18 Uhr

und nach Vereinbarung

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