13.09.2013 - 26.10.2013

Clemens Tissi - "AZ 1670"

"»As we move around that space [the gallery], looking at the walls, avoiding things on the floor, we become aware that the gallery also contains a wandering phantom frequently mentioned in avant-garde dispatches – the spectator.« Brian O’Doherty, Inside the White Cube

Clemens Tissi beschäftigt sich in seiner Ausstellung AZ 1670 mit den wechselseitigen Beziehungen von Verbergen und Zeigen. Verhüllung macht nicht (nur) unsichtbar, sondern betont das Verhüllte auch. Tissi arbeitet sowohl mit dem architektonischen Raum der Galerie als auch mit Werken von Künstlern der Galerie SCHWARZ CONTEMPORARY. Der Ausstellungstitel spielt auf einen Vorfall an, bei dem den Beteiligten die dialektischen Wege des Verbergens offensichtlich nicht so bewusst waren wie Tissi. Der Alitalia-Flug mit der Nummer AZ 1670 hatte Anfang 2013 bei der Landung in Rom Probleme und war nach mehreren Aufschlägen ein Stück abseits der Landebahn zum Stillstand gekommen. Über Nacht wurde die beschädigte Maschine weiß übermalt, sodass keine Alitalia-Logos und -Farben mehr darauf zu sehen waren. Das Bild des übermalten Flugzeugs ging um die Welt und das nicht mehr sichtbare Alitalia-Logo verwies umso intensiver auf den Betreiber des Flugzeugs.

AZ 1670 besteht aus zwei Elementen: Einerseits ist die Galerie um einen Raum kleiner als sonst, Tissi hat den Durchgang in diesen Raum verschlossen und die Wand glatt verputzen lassen. Vor dem verschwundenen Raum stehen zwei Monitore aufeinander, der eine dient als schwarzer Sockel für den anderen. Auf dem oberen ist ein Film zu sehen, der Aufnahmen des nun verschwundenen Raumes zeigt. Tissi hat in den letzten Monaten Szenen aus dem Galerieleben aufgenommen, bei Eröffnungen, im Alltag, beim Sammlergespräch, beim Putzen et cetera.

Auch hier wird der ursprüngliche Raum erst recht durch sein Verschwinden beziehungsweise seine Überlagerung interessant. Er verliert seine Selbstverständlichkeit und wird durch die Verfremdung im Film zu einem eigenen Werk.

Der zweite Teil der Ausstellung besteht aus grauen architektonischen Wandkästen, die zunächst nur als Objekte zu sehen sind, bei näherer Betrachtung aber Kunstwerke verbergen oder auch schützen wie in einem Archiv. Die Arbeiten sind in Rahmen in die Kästen eingebaut und haben so ihren eigenen Raum bekommen, auf den sie sich beziehen. Zunächst sieht der Betrachter nur die grauen Oberflächen der Kästen, die mit ihren erkennbaren Pinselstrichen auch monochrome Bilder sein könnten. Durch einen Druckmechanismus lassen sich die Bilder vom Besucher aus den Wandobjekten herausbewegen und so neben Tissis Kästen betrachten.

Der Betrachter ist hier wie bei der Prozesskunst gefordert. Erst durch den Gebrauch der Kästen, also durch eine Handlung, wird das Kunstwerk wieder sichtbar. Ähnlich wie beim ersten Eingriff Tissis ein Raum verschwindet, verschwinden hier einzelne Werke – das Verschwinden wird aber durch die Kästen nicht nur sichtbar, sondern auch betont. Die Bilder sind nicht mehr wie sonst selbstverständlich in der Galerie sichtbar, sie müssen gefunden werden. Es stellt sich vielleicht sogar die Frage, ob die Kunstwerke überhaupt physisch da oder sichtbar sein müssen oder ob das Wissen um ihre Anwesenheit für den Betrachter schon ausreicht. Dieser Gedanke führt zu Lawrence Weiners Statement zur Minimal Art, das mehr auf den Betrachter als auf das Kunstwerk zielte: »1. The artist may construct the work, 2. The work may be fabricated, 3. The work need not be built«. Tissi negiert nicht ganz so radikal jegliche physische Form, lässt die Kunstwerke aber erst durch die Benutzung seiner eigenen Objekte wieder ins Blickfeld treten."

(Quelle: Pressetext, Text: Clemens von Lucius)

 
Schwarz Contemporary

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