04.03.2010 - 24.04.2010

THOMAS PALME | DER AUGUSTINER - KOMPLEX

Aus der Ausstellung Thomas Palme "Der Augustiner-Komplex", courtesy Andreas Grimm, München
Aus der Ausstellung Thomas Palme "Der Augustiner-Komplex", courtesy Andreas Grimm, München

"ANDREAS GRIMM MUNCHEN freut sich, Ihnen die Eröffnung der Einzelausstellung 'Der Augustiner-Komplex' mit neuen Arbeiten von Thomas Palme anzukündigen.

'Nur, was nicht aufhört weh zu tun, bleibt in Erinnerung'

Nietzsches Feststellung ist so folgerichtig wie kühn und ebenso voraus –schauend politisch/historisch korrekt. Folgerichtig ist sie, weil sie aus einer Kultur heraus spricht, die Schmerz, Folter und Tod zugleich zu einem Heilsversprechen wie zu einem Überlegenheitsanspruch verdichtet. Was ohne Frage eklig ist. Kühn ist sie, weil sie das Individuelle - und Schmerz ist zunächst einmal eine höchst individuelle Erfahrung, zum Allgemeingut bestimmt. Historisch/politisch korrekt wird die Feststellung, wenn man sie auf dem historischen Boden dessen stehen sieht, was Joseph Beuys als den 'Schmerzraum' bezeichnet, 'hinter dem Knochen wird gezählt'. 'it still hurts' ergänzt Cary S. Leibowitz und noch INXS wissen: 'The gift you gave is gonna last forever'. Daß erinnert wird, weil Schmerzen nicht aufhören, taugt so also erst einmal als eine Bestandsaufnahme deutscher Geschichte und Gegenwart. Doch es schmerzt nicht die Geschichte allein. 'Alles, was lebt ist schmerzlich' sagt Trakl und so schmerzt vermutlich auch nach allem aufklärerischem Fortkommen Manchen noch immer der lästige und eigentlich hochnotpeinliche Phantomschmerz der Religion.

Es gäbe wahrlich Wichtigeres, aber nun gut, also auch das: Da hängen sie ab, um einen Kasten Bier, eine Gruppe heiliger Damen mit tierischem Antlitz. Der Bierkasten hängt in Ketten von der Decke, Rausch-verprechend und Erd-schwer. Von hier aus sind Stricke in den Raum verspannt an denen mit Klammern befestigt eine Vielzahl von Zeichnungen und einzelne Gipsprothesen hängen. Die Gipse halten Kreuze aus Ästen und sind auf den Körper des Künstlers hin modellierte Aktionsrelikte.

Im Zentrum der Ausstellung steht eine Gruppe großformatiger Zeichnungen, die Porträts weiblicher Heiligen zeigen. In ihrer Darstellung folgen sie zunächst historisch bekannten Bildern, porträtieren die Damen aber mit Tierköpfen und variieren entscheidende Aspekte der historischen Vorlagen. So zeigt Thomas Palme Katharina von Emmerich zum Beispiel, als im Bett sitzend mit schwerem Verband, in den Händen ein Kreuz haltend. Verband und Szene erinnern an das Gemälde des Gabriel Cornelius von Max von 1885. Dieser jedoch betont die Stigmata seiner 'ekstatischen' Frauengestalt und ihren Schmerz, mit dem Griff beider Hände an den Verband und weinerlich unglücklichem Blick auf den Christus am Kreuz vor ihr. Bei Palme ist der Verband zu einer Art Nachthaube geworden, die Hände halten das Kreuz und der Gesichtsausdruck des Gorillas, der Katharina von Emmerich ist, wirkt ausgesprochen entspannt. Der Blick schweift über das Kreuz hinweg in eine unbestimmte Ferne.
So entsteht in den Zeichnungen in zweifacher Hinsicht ein dialogisches Verhältnis, einmal zwischen der Heiligen und dem Tier, als das sie, zu ihrer genaueren Abbildung, gezeigt wird, zum anderen auch zwischen der jeweiligen Zeichnung und ihrer historischen Vorlage. Im Übrigen hat Edith Stein ihren Auftritt als Katze, Theresa von Avila gibt den Orang-Utan in Ordenstracht, Brigitta von Schweden erscheint als Erdmännchen, Katharina von Siena überzeugt mit dem Versprechen: 'Jede Träne hat ihren eigenen Haushalt' und natürlich als Hund. Ohne Frage, so muss man allerdings zugeben, die beste Figur von allen macht dabei Therese von Lisieux, ein wahres Pin-up! Dieses charmant schüchterne Lächeln des Schafkopfes, das raffiniert - diskrete Blecken der Zähne. Die wahre Erotik jedoch entfaltet sich in der verwegen dynamischen Strichfolge ihrer überaus ereignisreichen Gewanddarstellung. Der in der Zeichnung erklärten kollektiven Liebesbekundung kann man sich da nur ohne jeden Umschweif anschließen.

Hier sind sie nun also versammelt, die inbrünstigen Glückseligen, sie haben gewirkt, sie haben sich verbreitet und der Nachwelt das Fortschreiten ihrer Delirien beschrieben, nebst Herzensdürre, Ekstase und wollüstigen Verzückungen. 'Von allen Schwerkranken verstehen es die Heiligen am besten, aus ihrem Leiden Vorteil zu ziehen' behauptet E.M. Cioran. Dem ist angesichts der Zeichnungen von Thomas Palme zu widersprechen! Es sind die Künstler die begabteren Leidenden:

Hier hängen sie an Klammern und in großer Zahl, Blätter, die nicht Gegenständliche Linienzeichnungen zeigen. Die Strichabfolgen erlauben dem Betrachter, heftige, schnelle und sehr kräftige Bewegungen nachzuvollziehen. In der Dichte der Überlagerungen vielfacher solcher Linienbewegungen lässt sich ein fast manisches Abarbeiten des beidhändig Zeichnenden erkennen. Jedes Blatt ein Schlachtfeld, ein Dokument eines rauschhaften Energie geladenen Ereignis, das genau in dieser ausgestellten Wucht und Wut ihren Gegenstand hat. Hier hört, sehr anschaulich und ganz offensichtlich, etwas nicht auf weh zu tun. Das bleibt mit jeder Darstellung erneut spannend nachvollziehbar und entwickelt sich in der Folge der Blätter zu einem ebenso auf- wie anregendem Sehereignis. So beobachtet man doch gerne und mit ästhetisch geistigem Gewinn jemanden dabei, zu leiden!

Über all dem hängt als Richtschwert und Erlösungsversprechen der Bierkasten. Mit Augustinus ist die erbsündliche Grundschuld und unabwendbare Höllenverdammnis als einer von vielen möglichen und wählbaren Schmerzensgründen benannt. Zum anderen ist da das Bier, das erst einmal Betäubung verschafft und als Hirnzellen vernichtendes Gift erst später weh tut. Beides ist dem Künstler laut Selbstaussage nicht unwichtig.
Bleibt da nur zu hoffen, dass die Ketten halten!
Rafael von Uslar"
(Pressetext: Andreas Grimm)

 
Andreas Grimm
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